Nachtlinie

Der Bus riecht nach nasser Jacke und kaltem Morgen.
Ich sitze am Fenster. Wie immer.

Regen zieht Linien über das Glas, als würde jemand versuchen, die Stadt neu zu zeichnen.
Draußen bewegen sich Autos.
Drinnen bewege ich mich nicht.

Ich beobachte Kennzeichen.
Modelle.
Felgen.
Reflexionen von Neonlichtern auf Lack.

Manchmal erkenne ich am Geräusch, welcher Motor es ist.
Das beruhigt mich.
Mechanik ist ehrlich. Sie tut, was sie soll.
Menschen nicht.

Eine Bahn überholt uns.
Der Busfahrer flucht leise.
Ich lächle. Nicht wegen ihm.
Wegen dem Gedanken, dass ich irgendwann nicht mehr hier sitzen werde.

Nicht mehr warten.
Nicht mehr mitfahren.
Selber fahren.

Mein Handy vibriert.
Eine Nachricht aus dem Gruppenchat. Irgendwas mit Freitagabend.
Ich lese es nicht.
Ich weiß schon jetzt, dass ich absagen werde.

Die Stadt draußen ist blau und lila zugleich.
Nachtfarben, obwohl es erst früher Abend ist.
Übergang.
Alles fühlt sich an wie ein Zwischenzustand.
Noch nicht da.
Aber auch nicht mehr ganz dort, wo ich war.

Ich sehe ein Auto an der Ampel.
Alt. Dunkelblau. Nichts Besonderes.
Aber der Fahrer sitzt aufrecht.
Entschlossen.
Als hätte er ein Ziel, das nicht diskutiert wird.

Ich frage mich, wie sich das anfühlt.
Nicht das Auto.
Die Entscheidung.

Der Bus hält. Türen zischen.
Jemand steigt ein, tropfend vor Regen.
Jemand steigt aus, verschwindet in der Menge.
Bewegung überall.
Nur ich bleibe sitzen.

In meiner Tasche liegt der Ausdruck.
Gefaltet.
Werkstatt. Ausbildung. Bewerbung.

Ich habe sie gestern ausgedruckt, als wäre das schon Mut.
War es nicht.
Mut wäre Abschicken.

Ich ziehe das Blatt ein Stück heraus.
Ölflecken vom Küchentisch sind am Rand.
Unfreiwillig passend.

„Mechanikerin.“
Das Wort fühlt sich schwer an.
Nicht falsch.
Nur groß.

Der Bus fährt weiter.
Straßenlaternen spiegeln sich im Fenster.
Für einen Moment sehe ich mich selbst zwischen den Lichtern.
Ich sehe nicht unsicher aus.
Nur wartend.

Ein Motorrad zieht vorbei.
Laut.
Kurz.
Entschieden.

Ich denke an die Werkbank, die ich noch nie gesehen habe.
An Werkzeuge, die ich nur aus Videos kenne.
An Schrauben, die sich entweder lösen – oder eben nicht.
Kein Vielleicht.
Kein „wir schauen mal“.

Mein Daumen streicht über den Rand des Papiers.
Ich könnte es zerreißen.
Einfach so.
Niemand würde es merken.

Stattdessen falte ich es wieder ordentlich.
Lege es zurück in die Tasche.
Nicht löschen.
Noch nicht.

Der Bus hält an meiner Haltestelle.
Ich stehe auf.
Der Boden ist rutschig vom Regen, den alle mitgebracht haben.
Draußen riecht die Luft nach Asphalt und Metall.

Ein Auto fährt vorbei und spritzt Wasser an den Bordstein.
Ich weiche zurück.
Nicht schnell genug.
Ein Tropfen landet auf meinem Schuh.

Ich lache leise.
Weil es egal ist.
Und weil ich weiß, dass ich irgendwann die sein werde, die durch Pfützen fährt.

Freiheit fühlt sich heute nicht groß an.
Nicht laut.
Nicht mutig.

Freiheit fühlt sich an wie ein Blatt Papier in meiner Tasche,
das ich nicht weggeworfen habe.

Nach oben scrollen