Blaues Licht
Die Stadt sieht anders aus, wenn man nicht nach Hause fährt.
Blauer. Tiefer.
Ehrlicher.
Ich stehe vor der Werkstatt und warte auf den Bus,
aber ich schaue nicht auf die Straße.
Ich schaue auf die Reflexionen in den Pfützen.
Neon.
Lila.
Blau.
Ein Motor rollt näher.
Nicht laut.
Selbstbewusst.
Nico hält neben dem Bordstein.
Fenster runter.
Ein Blick, der keine Frage stellt – nur ein Angebot.
„Steigst du ein oder wartest du?“
Keine Höflichkeit.
Nur Optionen.
Ich zögere zwei Sekunden.
Dann öffne ich die Tür.
Der Sitz ist warm.
Das Radio leise.
Die Stadt spiegelt sich auf der Motorhaube, als würde sie dazugehören.
Wir fahren los, ohne Ziel.
Oder vielleicht hat er eins.
Ich nicht.
Das Licht der Ampeln wandert über das Armaturenbrett.
Grün.
Gelb.
Rot.
Entscheidungen in Farben.
„Du warst gut heute.“
Er sagt es, als wäre es nebensächlich.
Aber er hätte es auch nicht sagen müssen.
„War nur eine Schraube.“
Meine Stimme klingt ruhiger, als ich mich fühle.
Er zuckt mit den Schultern.
„Die meisten drehen gar nicht erst.“
Wir fahren durch eine Unterführung.
Blaues Neonlicht zieht über die Scheiben.
Für einen Moment sieht alles aus wie ein Film,
in dem ich nur Beifahrerin bin.
Und genau das bin ich.
Ich beobachte seine Hände am Lenkrad.
Locker.
Kontrolliert.
Er fährt nicht schnell.
Er fährt sicher.
Und genau das irritiert mich.
Freiheit fühlt sich anders an, wenn sie jemand anderem gehört.
Schön.
Aber geliehen.
„Du willst auch fahren, oder?“
Er sagt es, ohne mich anzusehen.
„Irgendwann.“
Das Wort klingt kleiner als es sollte.
„Irgendwann ist kein Datum.“
Er lächelt kurz.
Dann schaut er wieder auf die Straße.
Wir halten an einer roten Ampel.
Neben uns ein Bus.
Fenster.
Lichter.
Gesichter, die nach draußen schauen.
Ich erkenne mich.
Nicht wirklich.
Aber genug.
Die Ampel wird grün.
Wir fahren weiter.
Der Bus bleibt zurück.
Die Musik im Radio wechselt.
Ein Beat, der nach Bewegung klingt.
Nach Nacht.
Nach Möglichkeiten.
Ich lehne den Kopf an die Scheibe.
Das Glas ist kühl.
Die Stadt zieht vorbei wie Optionen, die ich noch nicht gewählt habe.
Er biegt ab, ohne zu fragen.
Ich sage nichts.
Nicht aus Unsicherheit.
Sondern weil ich merke, dass ich entscheiden möchte,
wann ich wieder rechts oder links fahre.
Wir halten vor meiner Straße.
Der Motor verstummt.
Die Stille danach ist lauter als die Fahrt.
„Bis morgen.“
Kein Flirt.
Keine Andeutung.
Nur ein Satz.
Ich steige aus.
Die Tür fällt ins Schloss.
Das blaue Licht verschwindet, als er losfährt.
Ich bleibe stehen.
Höre dem Motor nach, bis er nur noch ein Geräusch zwischen vielen ist.
Freiheit kann man spüren.
Aber das reicht nicht.
Ich will sie starten.