Öl an den Fingern

Der Geruch trifft mich, bevor ich die Tür sehe.
Metall. Öl. Ein Hauch Benzin.
Kein Parfum der Welt riecht nach Entscheidung.
Das hier schon.

Ich halte den Ausdruck in der Hand, den ich gestern nicht weggeworfen habe.
Papier ist leicht.
Der Schritt durch die Tür nicht.

Die Werkstatt ist lauter, als ich erwartet habe.
Schleifen. Klacken. Ein kurzes Aufheulen eines Motors.
Kein Chaos.
Nur viele Dinge, die wissen, was sie tun.

Ich weiß noch nicht, wo ich hingehöre.
Also bleibe ich stehen.
Zwei Sekunden zu lang.

„Du suchst was oder willst du nur gucken?“
Die Stimme kommt von links.
Direkt.
Nicht unfreundlich.
Nur ohne Umwege.

Frau Bergmann.
Ich erkenne sie sofort, obwohl ich sie noch nie gesehen habe.
Man erkennt Menschen, die Entscheidungen nicht verschieben.

„Bewerbung.“
Ein Wort. Mehr kommt nicht raus.
Reicht ihr trotzdem.

Sie liest nicht lange.
Sie schaut mich an.
Dann wieder aufs Papier.
Dann wieder mich.
Als würde sie prüfen, ob ich zum Satz passe.

„Du weißt, dass das hier kein Hobby ist.“
Ich nicke.
Ich weiß nicht alles.
Aber ich weiß genug, um nicht mehr zurückzugehen.

Hinter mir lacht jemand.
Nicht laut.
Mehr ein Schnauben.
Ich drehe mich nicht um.

„Werkbank drei.“
Sie zeigt nach rechts.
Kein Willkommen.
Kein Glückwunsch.
Ein Platz.

Die Werkbank ist kalt, als ich meine Finger auflege.
Metall fühlt sich ehrlich an.
Es verspricht nichts.
Es hält oder es bricht.

„Erster Tag?“
Die Stimme ist ruhiger.
Ich drehe mich diesmal um.

Leon.
Er steht mit einem Tuch in der Hand, als wäre Sauberkeit ein Prinzip.
Nicht geschniegelt.
Nur ordentlich.

Ich nicke.
Er nickt zurück.
Kein Kommentar.
Nur ein Schraubenschlüssel, den er mir hinlegt, als wäre das normal.

Zwei Plätze weiter lehnt jemand am Auto.
Arme verschränkt.
Beobachtend.
Nico.

Er sagt nichts.
Sein Blick schon.
Nicht abwertend.
Nicht freundlich.
Eher wie eine Wette, deren Einsatz ich noch nicht kenne.

Ich konzentriere mich auf das Metall vor mir.
Eine Schraube.
Klein.
Unbeeindruckt von meiner Nervosität.

Meine Finger zittern, als ich den Schlüssel ansetze.
Nicht stark.
Nur genug, dass ich es merke.

Drehen.
Nichts.

Noch mal.
Langsamer.
Der Widerstand gibt nach.
Ein leises Knacken.
Die Schraube bewegt sich.

Es ist kein Applaus.
Kein Durchbruch.
Nur ein Millimeter.
Aber er gehört mir.

Öl bleibt an meinen Fingern hängen.
Dunkel.
Hartnäckig.
Ich wische es nicht sofort ab.

„Nicht schlecht.“
Leon sagt es im Vorbeigehen.
Nicht motivierend.
Nur sachlich.
Das gefällt mir mehr.

Nico stößt sich vom Auto ab, kommt zwei Schritte näher, schaut auf die Schraube.
„War fest.“
Dann geht er wieder.
Kein Lob.
Aber auch kein Zweifel.

Frau Bergmann beobachtet aus der Entfernung.
Ich merke es, ohne hinzusehen.
Man spürt Blicke, die prüfen, ob man bleibt.

Ich bleibe.

Mittag kommt, ohne dass ich Hunger habe.
Zeit vergeht hier anders.
Nicht in Minuten.
In Handgriffen.

Als ich mir die Hände wasche, bleibt ein Schatten aus Öl in den Linien meiner Haut.
Ich könnte schrubben.
Ich tue es nicht.

Draußen ist es kühler als am Morgen.
Autos fahren vorbei.
Schnell.
Entschlossen.

Meine Finger riechen nach Werkstatt.
Nach Metall.
Nach etwas, das nicht diskutiert wird.

Ich gehe zur Haltestelle.
Der Bus kommt.
Ich steige ein.
Aber heute fühlt es sich anders an.

Nicht wie Mitfahren.
Eher wie Übergang.

Öl lässt sich abwaschen.
Das weiß ich.
Aber ein Teil davon bleibt.
Und genau das will ich.

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